Proust und Nietzsche als Fünf-Minuten-Lektüre: Kurzfassungen - WELT

M anchmal dauert sogar die „Suche nach der verlorenen Zeit“ nur fünfzehn Sekunden. Mehr Zeit gibt’s nicht, um bei der „Proust-Summarize-Competition“ zu punkten – in Monty Pythons Sketch von 1972, wo die Kandidaten die sieben Bände von Marcel Prousts Hauptwerk in einer Viertelminute wiedergeben müssen. Der erste kommt noch bis „Swanns Welt“, der zweite verhaspelt sich mit den Namen, als drittes kommt ein Chor und singt den Roman im Kanon. Am Ende gewinnt „das Mädchen mit den größten Titten“.

Ausgerechnet diese hübsche Parodie, die ihren Ehrenplatz bei Youtube längst gefunden hat, wird in einer Kurzfassung der „Suche nach der verlorenen Zeit“ und ihrer Wirkungsgeschichte erwähnt, angeboten von der Schweizer Firma getAbstract.

Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" gibt es HIER als KOMPAKT-PDF

Sie hat sich – ganz wie die Monthy-Python-Kandidaten – darauf spezialisiert, Bücher zusammenzufassen. Business-Titel werden standardmäßig auf fünf, belletristische und philosophische Werke auf jeweils acht PDF–Seiten komprimiert.

4224 Seiten Proust sind hier also genauso lang bzw. kurz wie 50 Seiten „Kommunistisches Manifest“, 432 Seiten „Also sprach Zarathustra“ werden ebenso zuverlässig destilliert wie 662 Seiten „Traumdeutung“ von Freud. „Heiße Luft aus Büchern rauslassen“ – so umschreibt Rolf Dobelli, Mitbegründer und Geschäftsführer von getAbstract, das Verfahren.

Eine Dienstleistung zuallererst für Manager, die eigentlich keine Zeit zum Lesen haben, sich über die Buchwelt aber trotzdem auf dem Laufenden halten wollen (oder müssen). Nach dem Motto: In zehn Minuten aufnehmen, wofür andere Tage brauchen.

Wobei der Service – nur im Abonnement zu beziehen – nicht ganz günstig ist. 299 Euro pro Jahr zahlen die Kunden der Business-, 199 die der Klassiker-Bibliothek, um über Texte orientiert zu sein, die sie nicht gelesen haben.

Vor drei Jahren schrieb der Psychoanalytiker Pierre Bayard ein höchst originelles Buch darüber, „Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat“. Es wurde wohl auch deshalb zum Überraschungshit, weil es uns kollektiv auf die Couch legte – und zeigte, wie schambehaftet unsere Kultur des Nichtlesens ist.

Doch das schlechte Gewissen des Nichtlesers ist eben nicht nur ein Fall für den Therapeuten, sondern auch ein Businessmodell. GetAbstract vertritt gewissermaßen die New Economy der Leseentlastung. Das Schweizer Start-Up, seit 1999 am Markt, hat sich gehalten – weil es eine Marktlücke erkannt hat und erfolgreich bewirtschaftet.

Über 5000 Titel umfasst die digitale Bibliothek für Buchzusammenfassungen mittlerweile, monatlich kommen über fünfzig neue hinzu. Längst liegen die Business-Abstracts nicht nur in deutscher und englischer Sprache vor (Russisch, Chinesisch und Spanisch sind geplant), sondern auch in diversen Audio-, E-Book- und iPhone-Formaten. Von mehr als 120 freien Mitarbeitern – überwiegend Journalisten – lässt getAbstract die Buchzusammenfassungen schreiben, die dann von der zwanzigköpfigen Redaktion in Luzern redigiert und standardisiert werden.

Unter philologischen Gesichtspunkten sind die Abstracts solide, gleichzeitig wunderbar deutlich auf den Nutzwert ausgerichtet. Im Repertoire stehen übrigens nur Titel, für die getAbstract eine Lizenz zum Zusammenfassen besitzt, die von den Verlagen wie ein Nebenrecht gehandhabt wird.

Ursprünglich wurden überhaupt nur Business-Bücher zusammengefasst, doch Rolf Dobelli, seinerseits Diogenes-Autor („Fünfundreißig“, „Was machen Sie beruflich?“), hatte vor fünf Jahren die Idee, auch eine Klassiker-Sparte einzurichten. Wobei die einen eher marginalen Umsatzteil ausmacht.

Monatlich stellt die Firma fünfzig neue Business-, aber nur fünf neue Klassiker-Abstracts online. Ganze zwei Prozent aller getAbstract-Kunden beziehen das reine Klassiker-Abo. Eine „Cash Cow“ ist das selbst nach Unternehmensangaben nicht.

Aber vielleicht ein soziales Experiment. Immerhin konfrontiert die Firma ein tendenziell literaturfernes Milieu mit Literatur. „Nietzsche für Manager“ trifft „Zarathustra“. Und neben einem Buch über „Buy-outs“ steht dann plötzlich die Regel des Benedikt von Nursia. Und hat die Vorstellung, dem Buch der Bücher – also der Bibel – einmal auf acht Seiten zu begegnen, nicht etwas Verlockendes?

Mehr als fünfhundert Titel umfasst die Klassikerbibliothek: Hier entsteht ein Kanon in Konzentratform, der fürs Image des Unternehmens offenbar ebenso förderlich ist wie für das seiner Kunden. Es gibt

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ihn eben doch, den Managertypus, der sich mit anderen Dingen als den neuesten Quartalszahlen beschäftigen will und deshalb ein Business- und Klassiker-Doppelabo bezieht. Max Frischs „Homo Faber“ steht Modell – und zum Download bereit.

Man könnte vermuten, dass sperrige Sachen aus Soziologie oder Philosophie die vorderen Plätze belegen – wo sich eine Zusammenfassung wirklich lohnt. Tatsächlich belegt die Bibel den ersten Platz, es folgen Goethes „Werther“ und „Faust“, dann kommt – in diesem Umfeld überraschend – Karl Marx. Platz fünf besetzt Sigmund Freud.

Vielleicht wollen getAbstract-Kunden gar nicht immer den schnellsten Lektüreweg, die leichteste Version eines Buches – ein Abstract kann die geistige Freude der Lektüre ja auch gar nicht ersetzen. Vielleicht geht es um Überblick, um Orientierung und Zusammenhänge – all das, was auch die Old Economy der Leseentlastung leistet, nur eben auf Papier.

Denn Nichtleser bedient der Literaturbetrieb schon immer: von Klappentexten über Romanführer bis hin zur Literaturkritik, die sich in den letzten Jahren so gerne fragt, welchen Einfluss sie noch auf den Buchabsatz hat. Fast in Vergessen geraten ist, dass Rezensionen ja durchaus für den Nichtkäufer da sein dürfen. Für den Zeitungsleser, der sich kulturell auf dem Laufenden halten möchte, ohne dass er sich jeden besprochenen Briefwechsel auch zulegt.

Ein einigermaßen skurriles Buchmarktsegment sind Bücher übers Lesen. Titel, die seit einigen Jahren allerlei Anekdotisches, Possierliches, Unanstrengendes aus der Welt der Literatur zusammentragen. Das Ganze funktioniert nach dem Vorbild von „Schotts Sammelsurium“ und ist auch deswegen so erfolgreich, weil solche Bücher eine Teilhabe an der Sphäre des Literarischen ohne die Anstrengung der Eigenlektüre suggerieren.

Solche Kompilate verhalten sich zum Lesen wie die Kochsendung zum Kochen. Das sekundäre Format floriert in dem Maße, in dem die primäre Kulturtechnik nachlässt. Noch lange kein Grund zum Kulturpessimismus, wo doch schon Schopenhauer wusste: „Es wäre gut Bücher kaufen, wenn man die Zeit, sie zu lesen, mitkaufen könnte, aber man verwechselt meistens den Ankauf der Bücher mit dem Aneignen ihres Inhalts.“ Vielleicht gehört die Diskrepanz zwischen gewünschter und tatsächlicher Lektüre also ganz einfach zur Grundausstattung der Gutenberg-Galaxis.

Vielleicht darf man beim Stichwort Nichtleser nicht reflexartig an den klassischen Regalsteller denken. Nick Hornby zum Beispiel braucht Bücher bestimmt nicht als Kulturtapete. Trotzdem bildete eine monatliche Liste gekaufter versus gelesener Bücher ein Leitmotiv seiner Kolumnen für die amerikanische Literaturzeitschrift „The Believer“. Bei KiWi unter dem Titel „All you can read“ erschienen, erzählen sie davon, wie normal es ist, mehr Leseappetit zu haben, als man verdauen kann.

Wie bei vielen anderen Informationen, Waren und Dienstleistungen haben wir uns auch bei Büchern längst ans Überangebot gewöhnt. Wir konsumieren seltener komplett, sortieren dafür aber gerne intuitiv und würdigen dabei vieles nur flüchtig. Zum Glück. Denn wer wäre vom schieren Bücher-Überangebot nicht auch schon mal überwältigt gewesen, wer stand noch nie vor dem Lese-Burnout? Längst hat sich die Verheißung verfügbarer Bücher in eine Bedrohung verwandelt, mit der es produktiv umzugehen gilt.

Vielleicht fangen wir also endlich einmal an zu würdigen, wie kreativ man mit ungelesenen Büchern umgehen kann! Heinz Schlaffers Begriff der „Paralektüre“ wäre ein Ausgangspunkt. Sogar Buchwissenschaftler schreiben inzwischen Aufsätze über das „Phänomen des ungelesenen Buches“. Und Literaturmuseen wie das LiMo in Marbach richten sich zunehmend auch an den Besucher, der die ausgestellten Schriftsteller und ihre Werke nicht notwendig kennt. In manchen Städten ersetzt der Literaturtourismus die Lektüre von Texten durch die Aura literarischer Schauplätzen.

Wem das alles noch zu anstrengend ist, für den gibt es immer noch therapeutische Angebote, zum Beispiel die radikale Lese-Entwöhnung, wie sie der Schweizer Gion Mathias Cavelty predigt. Titel seiner Radikalkur, nach der wir das Lesen eines Tages sein lassen, den feierlichen Nichtlesereid schwören und irgendwann auch einen Weltnichtlesertag begehen werden: „Endlich Nichtleser. Die beste Methode, mit dem Lesen für immer aufzuhören.“

Auf der Seite getAbstract (hier) finden Sie sämtliche Angebote zu Klassikern in Kompkatversion.


Category: Abstract

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